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Das gesamte Ratsgymnasium feierte auf der Insel das 50-jährige Bestehen seines Schullandheimes

Bielefeld/Langeoog. In der Stimme des Kurgastes schwingt deutliches Entsetzen mit: "Hier sollen heute 750 Kinder frei herumlaufen." Der Mann liegt richtig. Das gesamte Ratsgymnasium hat am Mittwoch mit einem Schulausflug auf die Insel Langeoog das 50jährige Bestehen seines Schullandheims gefeiert. Offiziell handelt es sich bei dem Schulausflug um einen Wandertag. Doch zunächst wird nicht gewandert, sondern die Fähre geentert. Die Unterstufenschüler verschaffen sich nach der mehrstündigen Busfahrt von Bielefeld nach Bensersiel Bewegung. Sie rangeln auf dem Unterdeck. Der Schiffsdiesel in unmittelbarer Nachbarschaft verkommt gegen den Höllenlärm, den sie dabei veranstalten, zu einem sanften Säuseln. Im Salon III geht es gesitteter zu. Kein Wunder, haben sich dort Mitglieder des Kollegiums um Altdirektor Hilker geschart. Man genießt Respekt. Wo das nicht reicht, wird nachgeholfen: "Entweder ihr benehmt euch, oder ich setze mich zu euch", dämpft eine Lehrerin die wachsende Stimmung einer Gruppe Unterprimaner. Auf dem Sonnendeck, dessen Name auch heute ein reiner Euphemismus ist, spielt der Bläserchor, bis er bei der Einfahrt in den Inselhafen von der Schiffssirene abgelöst wird. Enno Ueding stellt zufrieden und zu Recht fest: "Da haben wir doch schon Mal für ein bisschen Stimmung gesorgt." In der Inselbahn ist es eng, die Luft steht. Ein junger Mann mit Bierflasche outet sich als Philosoph. Gefragt, warum er um 10 Uhr schon wieder zum Bier greife, antwortet er: "Ich bin zeitlos, mein Durst ist es auch."
Auf dem Bahnhof dann ein Zwischenfall, der zwar glimpflich abläuft, aber dazu führt, dass Vorsteher Schmidt sich wutschnaubend vor der Chefin Jutta Stehling aufbaut. Ein Mädchen war, so schildert er den Vorfall, beim übermütigen Aussteigen zwischen einen Waggon und die Bahnsteinkante geraten. Nur mit viel Glück blieb sie völlig unverletzt. Seine Konsequenz: "Wenn das heute Abend so ist, dann lauft ihr zum Hafen." Nun greift die straffe Organisation. Alle Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich oder werden beschäftigt. Zum Beispiel am Strand. Hier ist als Aktion des guten Willens Abfall einsammeln angesagt. Da aber der "Tag der sauberen Insel" noch nicht lange zurückliegt, bleibt die Ausbeute erstaunlich gering, was für die Inselgemeinde spricht. Natürlich bieten der Strand oder das heimeigene Fußballfeld auch sonst jede Menge Möglichkeiten für Spiele und Spaß, die gerne genutzt werden.
Das ist fast so etwas wie der Alltag im Landheim, den die meisten Schülerinnen und Schüler schon kennen gelernt haben. Dreimal besuchen sie während ihrer neunjährigen Schullaufbahn die Insel. Das ist am Rats seit 50 Jahren so. Ein klein wenig Verklärung der Langeoog-Pädagogik kommt auf. Heute bestimmen Projekte, gemeinsames, fächerübergreifendes Lernen wohl tatsächlich den Heimaufenthalt. Es gab indes Zeiten, da wurden, Langeoog-Pädagogik hin oder her, auf Langeoog knallharte Französisch-Arbeiten geschrieben. Immerhin ist es, so Schulleiterin Jutta Stehling, auch heute am Rats noch immer unproblematisch, Lehrer dazu motivieren, die Klassen oder Kurse zweieinhalb Wochen zu begleiten und eine Menge zusätzliche Verantwortung auf sich zu laden.
Beim Festakt im haus der Insel werden Reden gehalten und Glückwünsche überbracht. Stehlings Vorgänger Dr. Wilfried Hilker bringt 50 Jahre Geschichte auf den Punkt: "Das Ratsgymnasium ist ohne seine pädagogische Außenstelle nicht zu denken." Es geht aber nicht nur feierlich zu. Als ein Oberstufenschüler dem Publikum eine selbst produzierte CD vorstellt, zischt ein Tertianer vernehmlich: "Oberstreber." Das lässt für die Zukunft hoffen.

 
 
Mittagspause: Vor dem Landheim stärkt sich ein Teil der Ausflügler mit Bratwürsten und Äpfeln.

Mittagspause: Vor dem Landheim stärkt sich ein Teil der Ausflügler mit Bratwürsten und Äpfeln.

 

Chronik Schullandheim Langeoog

1949 Eine Schülergruppe unter Leitung von Axel Kolitzus zeltet auf Langeoog und entdeckt den Rohbau.
1950 Gründung des "Vereins Landschulheim Gymnasium Bielefeld". Kauf von Rohbau und Grundstück. Erster Landheimaufenthalt.
1957 Grundstückserweiterung nach Westen.
1958 Fertigstellung des nördlichen Erweiterungsbaus. "Oma" Hinrika Meppen wird Haushaltsgehilfin.
1959 Das nördliche Nachbargrundstück bis zum Teich wird angepachtet.
1964 Grundstückserweiterung nach Süden.
1969 Einrichtung eines Duschraums für Mädchen.
1970 Beginn der Renovierungs- und Erweiterungsbauten mit einem eigenen Mädchenbereich.
1979 Weitere Veränderungen in den Folgejahren: Umbauten im Erdgeschoss, Ausbau des Sportplatzes.
1995 Anbau des Südflügels.
 2000 Die Schule feiert das Jubiläum auf der Insel.

 

Abfallsammler: Carolin Witt, Anna Maria Mönks und Heike Gusia (von links) fanden am Strand erfreulich wenig Abfall.



Bläser: Tilia Ellendorf, Johannes Niediek, Fabian Schmidt-Midels, Annika Koke, Therese Ellendorf, Enno Üeding und Christoph Mönks.     


Obercool: Natürlich sind die Jungs aus der Oberstufe keine "Im-Wagon - Sitzer", sondern auf den Plattformen der Inselbahn zu finden.




Würstchen: Für Viktoria Delius, Lisa Rotsel und Louise Tusch gehört wie für viele andere die Bockwurst traditionell zur Überfahrt.

 
Aus: "Neue Westfälische" vom 16.06.2000