Nebelswall 1 - 33602 Bielefeld
0521 - 51 23 94

Zur Geschichte der Schule

Gründung
1558 war die vermutlich seit 1293 bestehende Lateinschule des Marienstifts (mit nur einem Scholasticus) vom evangelischen Rat der Stadt in eine Stadtschule (mit drei Lehrern) umgewandelt worden. Die Schuljubiläen gehen von diesem Jahr aus (zuletzt 1983: 425 Jahre Ratsgymnasium).

Frühere Standorte
Die Schule befand sich anfangs noch in der Nähe der Neustädter Marienkirche am Papenmarkt in einem Gebäude des Marienstifts, wurde aber im Dreißigjährigen Krieg (1629) in die Altstadt, und zwar in ein schon 1608 umgebautes Zeughaus am Altstädter Kirchplatz verlagert. Aus Platzgründen erfolgte 1831 der Umzug in einen Neubau am Klosterplatz, der auf dem Grundstück des aufgehobenen Franziskanerklosters entstanden war. Als man kaum dreißig Jahre später wegen höherer Schülerzahlen erneut über einen Neubau für das Gymnasium nachdenken musste, fiel die Entscheidung für den jetzigen Standort am Nebelswall, einen Platz in der Nähe des Oberntors, vor der westlichen Mauer der Stadt.

Heutiges Gebäude
Der älteste Teil des Schulgebäudes wurde 1585 als Herrenhaus des damaligen Bürgermeisters Caspar von Greste außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern errichtet. Der „Grestehof “ ist ein Bauwerk im typischen Stil der Weserrenaissance. Seit 1712 im Besitz der Stadt Bielefeld, wurde er bis 1869 nacheinander als Waisenhaus, Landwehrzeughaus und Lazarett genutzt, sollte dann aber für den Neubau des Gymnasiums am Nebelswall abgerissen werden. Durch den Einspruch des preußischen Konservators von Quast blieb der architektonisch wertvolle Bau erhalten.
Der Kölner Baumeister Julius C. Raschdorff stattete ihn 1869/70 mit neuen Giebeln, dem Türmchen und dem Kaminkopf aus. Dort wurde die Bibliothek untergebracht, und dort entstanden Räume für Lehrer, Kastellan (Hausmeister) und Verwaltung. Den ganzen Neubau, der sich nach SW an den Grestehof anschloss und der die Klassenräume und die Aula aufnahm, gestaltete Raschdorff in Anlehnung an die Stilelemente des alten Adelshofes. 1890 wurde die Aula mit einem Fries von großformatigen Gemälden des Malers Professor Ernst Hildebrand geschmückt, die Themen der Reformation und des kurfürstlichen Regiments zum Inhalt haben.
lm Jahre 1901 bereits bekam das Gymnasium einen ersten Anbau für drei neue Klassenräume, da die Schule aufgrund der steigenden Einwohnerzahl ihre Kapazität steigern musste. 1912 wurden nach Abriss der ersten Turnhalle von 1880 eine (damals) neue Turnhalle und naturwissenschaftliche Räume angegliedert. 1951 musste das Fundament des Grestehofs erneuert werden, weil wegen Fließsands akute Einsturzgefahr bestand. Darauf weist eine neulateinische Inschrift an der Südseite des Gebäudes hin. 1967 wurde am südwestlichen Rande des Schulgrundstücks für das Ratsgymnasium und das benachbarte Gymnasium eine Doppelturnhalle gebaut, die übrigens 1998 wegen eines nächtlichen Brandes aufwendig saniert werden musste und dabei modernisiert werden konnte. 1968 konnte man durch den Abriss eines Privathauses (Nebelswall 3), dessen Gartengelände zur Vergrößerung des Schulhofs beigetragen hatte und in dessen unteren Räumen seit 1961 Unterricht stattgefunden hatte, Platz für einen neuen naturwissenschaftlichen Trakt schaffen.
Heute umfasst das Ratsgymnasium 43 Unterrichtsräume für derzeit (1999) rund 700 Schüler und 57 hauptamtliche Lehrer.
Die Bibliothek, 1753 von Rektor Hoffmann begründet und 1983 durch eine Schenkung nicht unbeträchtlich erweitert, ist nach vorübergehender Auslagerung aller Bücher 1986/87 gründlich renoviert worden.
Die letzte Renovierung der Aula, die für den Musikunterricht und für schulische sowie außerschulische Veranstaltungen genutzt wird, ist gerade (1998) nach jahrelangen Bemühungen und Aufwendungen von Seiten der Schule abgeschlossen worden, nachdem 1952 - im Zuge der Beseitigung von Kriegs- und Nachkriegsschäden - eine weitreichende Umgestaltung vorgenommen worden war.
Aula und Bibliothek finden das besondere Interesse der Besucher, die am „Tage des offenen Denkmals“ im September unsere Schule besuchen. 1998/99 war der Blick auf die architektonischen Strukturen und Ornamente durch Gerüste erschwert, als Dachdecker das marode Schieferdach vollständig erneuerten.

Namen
Die „Stadtschule“ erhielt Anfang des 18. Jh. den Namen „Gymnasium“. Sie war die einzige höhere Schule der Stadt bis 1828. In diesem Jahre wurde in der Ritterstraße eine private Töchterschule gegründet, die spätere „Auguste-Victoria-Schule“. Sie war die Vorgängerin unserer Nachbarschule, des „Bavink-Gymnasiums“ (seit 1947) bzw. des „Gymnasiums am Waldhof“ (seit 1996).
1861 begann die Entwicklung zur „Doppelanstalt“ mit „Gymnasium und Realgymnasium“. 1938 wurde daraus „Gymnasium und Oberschule für Jungen“.
Die gemeinsame Schulträgerschaft (Kompatronat) durch das Land NRW und die Stadt Bielefeld seit 1946 führte erst 1951 zur Bezeichnung „Staatlich-städtisches Gymnasium“.
1964 ging die alleinige Trägerschaft auf die Stadt über, und die Schule hieß nun „Ratsgymnasium“ mit dem Zusatz „Städt. altsprachliches und neusprachliches Gymnasium für Jungen“. Nach der allgemeinen Einführung der Koedukation 1969 und nach der mit der Oberstufenreform verbundenen Enttypisierung der Gymnasien 1976 lautet der Name der Schule heute: „Ratsgymnasium Bielefeld - Städt. Gymnasium für Jungen und Mädchen (Sekundarstufe I und II)“.
Das Ratsgymnasium bietet seit der Einführung des Kurssystems in der Oberstufe für Schüler und Schülerinnen der städtischen und privaten Gymnasien Zentralkurse in Griechisch, Russisch, Französisch und Hebräisch an.

Jüngere Entwicklungslinien
Veränderte Rahmenvorgaben und gesellschaftlicher Wandel bewirken Dynamik. Dem Selbstverständnis des Ratsgymnasiums entspricht es dabei weiterhin, die Verbindung von Tradition und Moderne zu berücksichtigen und zu realisieren. Ab 1997 und insbesondere ab 2000 haben Studien wie TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) und PISA (Programme for International Student Assessment) die öffentliche Diskussion bestimmt. Es galt, eine Vielzahl von Veränderungsideen kritisch zu durchdenken.
Für das Ratsgymnasium stellte sich schon im Jahr 2000 die Frage, ob der Einstieg in die englische Sprache mit Klasse 7 der wachsenden Bedeutung der Sprache in einer zunehmend globalisierten Welt noch angemessen war. Gleichzeitig wurden die Vorzüge des frühen Lateinbeginns in Klasse 5 mit der systematischen Denk- und Lernschulung, der grammatischen Grundlegung, der Ermöglichung vieler Bezüge und Synergieeffekte in den modernen Fremdsprachen, der Einführung in die Antike sowie letztlich auch der Förderung genauen Lesens gesehen und sollten nicht verloren gehen. Dies führte zu der Entscheidung, mit beiden Sprachen in Klasse 5 zu starten. Seither gibt es am Ratsgymnasium Bielefeld das Doppelsprachenprofil „Latein plus Englisch“. 2003 wurde dann in Nordrhein-Westfalen Englisch aus ähnlichen Gründen schon an den Grundschulen ab Klasse 3 verpflichtend eingeführt. Deshalb mussten Inhalte und Ziele für den Englischunterricht in den Klassen 5 und 6 erweitert werden. Nach der vorrangig nichtschriftlichen Ausrichtung des Englischunterrichts der Grundschule und einer Orientierung an Sprechanlässen, Bildern und Handlungen drängten die Kinder auf eine Verschriftlichung und ein Zusammenwachsen der erworbenen englischen Sprachkenntnisse in einer Sprachsystematik. Um dieses leisten zu können, erschien eine Erhöhung des Stundenkontingents für Englisch am Ratsgymnasium zwingend. Diese wurde 2005 vollzogen.
Die Schulzeitverkürzung machte ab 2005 auch ein Überdenken aller gewachsenen und als pädagogisch wertvoll wahrgenommenen Aktivitäten und Unternehmungen notwendig, die den Unterrichtsalltag pädagogisch ergänzen: das Langeoogkonzept, die Austauschprogramme, das Praktikum am Ende der 10. Klasse, die religiöse Studienfahrt nach Weimar und Buchenwald (weiterhin in der 10. Klasse).
Durch die höhere Pflichtstundenzahl für alle Schülerinnen und Schüler in den verbleibenden acht Gymnasialjahren als Folge der Schulzeitverkürzung geriet auch die Organisation des Unterrichts in den bis dahin weithin als klassisch geltenden sechs Vormittagsstunden in den Blick. An diesem Punkt entstand für das Ratsgymnasium jedoch kein neuer Diskussionsbedarf. Vielmehr erlauben das Doppelsprachenprofil mit der Folge einer gleichmäßigeren Stundenverteilung sowie der Unterricht an zwei Samstagen im Monat weiterhin eine Organisation des Unterrichts an Halbtagen. Die diversen Angebote von Musikschulen und Instrumentallehrern sowie von Sportvereinen bekommen und behalten somit ihren Raum.
2003 war eine Steuergruppe, d.h. eine Arbeitsgruppe aus Lehrerinnen und Lehrern sowie Elternvertretern angetreten, um die Situation des Ratsgymnasiums zu analysieren, Veränderungsnotwendigkeiten und Entwicklungschancen sowie die dahin führenden Prozesse zu beschreiben. Der Konsens bezüglich der weiterentwickelten pädagogischen Zielvorstellungen und Handlungskonzepte manifestierte sich 2006 in der Veröffentlichung der aktualisierten Fassung des Schulprogramms.
Die größere Eigenständigkeit der Schulen auf der einen Seite und der Wechsel von einer Input- zur Output-Orientierung auf der anderen Seite beschreiben wesentliche neue Zielvorgaben, die inhaltlich zusammenhängen. Inhaltlich fixierte Vorgaben für den Unterricht werden ab-, Kontrollen der Unterrichtsergebnisse aufgebaut. 2007 wurden zentrale Prüfungen eingeführt. Im 13. Jahrgang unterliegen seit 2007 alle Fächer dem schriftlichen Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen.
Die Förderung jedes Einzelnen ist für Schule sicherlich immer konstitutiv. Die mit der Schulzeitverkürzung einhergehende Erhöhung der Pflichtstundenzahl in der Sekundarstufe I hat hier einen Freiraum in Form von Ergänzungsstunden geschaffen. Auf der Basis des erkannten Förderbedarfs wird den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit geboten, an den zu behebenden Defiziten zu arbeiten. Die individuelle Förderung muss jedoch gleichermaßen die Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten auf der einen Seite und der mit besonderen Begabungen und Interessen auf der anderen Seite im Blick haben. Für die Letztgenannten hat sich z.B. der Ausbau der Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld im Rahmen des Programms „Studieren ab 16“ oder der „Kolumbus Kids“ bewährt. Auch die organisatorische Öffnung des Differenzierungsbereichs für ein Drehtürmodell erweist sich als geeignetes Instrument. Besonders engagierte und begabte Schülerinnen und Schüler können die Differenzierungsstunden nutzen, um in Absprache mit den Fachlehrerinnen und Fachlehrern zwei Kurse gleichzeitig zu belegen.
Verschiedene Projekte und Einrichtungen haben im Schulprofil einen festen Platz. Durch die Einführung einer Über-Mittag-Betreuung im Jahr 2005 wurde die Möglichkeit geschaffen, in der Schule Mittag zu essen, die Hausaufgaben anzufertigen und pädagogische Angebote wahrzunehmen sowie gemeinsam mit Mitschülerinnen und Mitschülern zu spielen. Zu erwähnen sind ferner das Projekt „Gesundheit in und mit Schule“ („GimS“), Konzepte zur Ich-Stärkung und zur Drogenprophylaxe, nicht zuletzt die Pflegschaften oder der Förderverein, der 2007 sein 20-jähriges Jubiläum feierte. Im Bereich zusätzlicher Angebote, wie der 2005 eingeführten „Jugend forscht“-AG oder der unterstützenden Begleitung bei der Teilnahme an verschiedenen fachlich orientierten Wettbewerben bis hin zur hauseigenen Mathematik-Olympiade können positive und motivierende Erfahrungen gemacht werden.
Zu den weiteren Neuerungen zählt auch die Gründung einer schulbezogenen Stiftung. Mit der 2006 durch die Regierungspräsidentin anerkannten „Beigelschen Stiftung für das Ratsgymnasium Bielefeld“ wurde die Möglichkeit eröffnet, besondere Unterrichtsleistungen bzw. hervorragende Schülerinnen und Schüler schuljahresbezogen auch schulöffentlich mittels Buchpreisen positiv anzuerkennen, was in einer jährlichen, musikalisch ausgestalteten kleinen Feierstunde geschieht. Die Einführung der Teilnahme an Internationalen Sprachprüfungen (Delf im Französischen und Cambridge Certificate im Englischen) mit entsprechenden Vorbereitungskursen intensiviert einerseits den Spracherwerb und eröffnet den Schülerinnen und Schülern andererseits die Möglichkeit einer späteren Aufnahme an ausländischen Universitäten ohne vorherige Tests.
Der Ausbau des Dachbodens über dem naturwissenschaftlichen Anbau zu einem geräumigen Forum mit Präsenzbibliothek, Internetzugängen, Gruppenarbeitstischen und Bühne erleichtert die Arbeitsgänge der Informationsgewinnung, das Arbeiten im Team, die Präsentation von Ergebnissen, die Vorbereitung und Realisation szenischer Vorführungen, Ausstellungen usw.
Der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit den neuen Medien lässt sich effektvoller gestalten, wenn die Schülerinnen und Schüler nicht en bloc und damit letztlich auf Vorrat lernen, sondern sukzessive und in einem inhaltlichen Zusammenhang, der den Nutzen und die Anwendung der Technik sogleich deutlich werden lässt. Aus diesen Überlegungen heraus wurde 2005 ein neues Medienkonzept entwickelt, nach dem einzelne Bausteine in jedem Schuljahr der Sekundarstufe I im Rahmen des Fächerkanons der Schule bearbeitet werden, und zwar da, wo es sich curricular anbietet. Voraussetzung für die Umsetzung eines solchen Medienkonzepts ist natürlich eine entsprechende Medienausstattung der Schule. Einen wesentlichen Fortschritt brachte schon 2002 die Einrichtung des zweiten vernetzten Computerraums.
Überhaupt war es nötig, die technischen Anlagen im Gebäude am Nebelswall zu erneuern. Dazu gehören Brand- und Lärmschutzmaßnahmen, die Renovierung von Klassenräumen, die Neugliederung von Funktionsräumen wie Sekretariat, Medienraum, Besprechungs- und Krankenzimmer, der Neubau der Toiletten und der naturwissenschaftlichen Räume. Nachdem 2009 weitere Bauarbeiten im Gebäude, das Verlegen von Böden und Einbauen von Decken, die Anschaffung und Anbringung geeigneter Möbel, die Ausstattung mit Beamern und Internetzugängen in den Klassenräumen und vieles mehr abgeschlossen waren, konnten 2010 im naturwissenschaftlichen Anbau die Fachräume neu gestaltet und moderne Smart-Boards installiert werden. Die Aufstellung von Außenspielgeräten hinter der großen Turnhalle sowie auf dem Schulhof erhöhte die Aufenthaltsqualität auf dem Schulgelände.
Mit den notwendigen Baumaßnahmen konnten zugleich ästhetische Ziele realisiert werden, wodurch eine fortschrittliche, den heutigen technischen und pädagogischen Anforderungen angemessene Ausstattung zur Verfügung gestellt und attraktiv gemacht wurde, in der die Verbindung von Tradition und Moderne gelingt