Studienfahrt nach Berlin vom 5.-9. Februar 2014

von Franziska Dulige und Tim Kerkmann

StudienfahrtBerlin2014

In freudiger Erwartung der „Abschlussfahrt“ unserer Oberprima in die deutsche Hauptstadt standen die Schülerinnen und -schüler der beiden Geschichtsleistungskurse von Herrn Graeser und Herrn Magofsky, der Geschichtsgrundkurse von Herrn Gerwin bzw. Herrn Altenberend sowie der Geschichtsergänzungskurs, in Begleitung von Frau Tschäpe, sprich die gesamte Oberprima des Ratsgymnasiums, am Mittwoch, dem 5. Februar 2014, um 15 Uhr auf dem Parkplatz des Tierparks Olderdissen. Wir fuhren mit zwei Bussen, die sich jeweils aus den verschiedenen Kursen zusammensetzten. Ziel dieser fünftägigen Reise war die Vertiefung der bisherigen Unterrichtsinhalte sowie die Reifung unseres politisch-historischen Bewusstseins als Bürger der demokratischen, pluralistischen Bundesrepublik Deutschland - in Abgrenzung zu den beiden Diktaturen auf deutschem Staatsgebiet im 20. Jahrhundert.
Vor diesem Hintergrund ist bereits der Ort der Fahrtpause zu bewerten: Die Gedenkstätte Helmstedt-Marienborn, der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze während der deutschen Teilung (1949-1990), führte uns bereits eines der wichtigsten machtpolitischen Mittel vor Augen, die von der SED genutzt und gebraucht wurden, um ihre Führungsposition in der DDR zu sichern. An den erhalten gebliebenen Kontrollstellen konnten wir hautnah die innerdeutsche Teilung, die durch die Sicherheitskontrollen und strikten Einreiseverbote manifestiert wurden, nachfühlen.
Nach der Pause wurden dann in den Bussen Filme zur Zeit der deutschen Teilung geschaut. Nach unserer Ankunft im Jugendhotel „Aletto“ in Berlin-Charlottenburg erfolgte – trotz beginnender allgemeiner Müdigkeit – ein intensiver Gang über den nahe gelegenen Kurfürstendamm; selbstverständlich in Verbindung mit der Nutzung der zahlreichen kulinarischen Angebote. Es bestand ein Konsens darüber, dass sowohl das Hotel selbst als auch dessen Lage im Zentrum des damaligen Westteils der Millionenstadt vorzüglich waren.

Donnerstag: Die historische Mitte Berlins – Ein Stadtrundgang
Nach der Stärkung am reichhaltigen Frühstücksbuffet untersuchten wird am ersten „wirklichen“ Tag der Studienfahrt die deutsche Zeit- und Nachkriegsgeschichte am Beispiel der historischen Mitte Berlins. Zunächst ging es zum Deutschen Bundestag im Reichstagsgebäude sowie zum architektonisch höchst interessanten, knapp 900 Meter langen Band des Bundes, das im Zuge der Verlegung der Hauptstadt von Bonn nach Berlin neu geschaffenen worden war und heute u.a. das Bundeskanzleramt beinhaltet. Anschließend stand bereits einer der Höhepunkte der Studienfahrt bevor: Der Besuch des Bundesrates mit einer professionellen und interaktiven Führung. Interessant war es für uns, die föderale Struktur der Bundesrepublik, die sich durch die deutsche Kleinstaaterei („Flickenteppich“) des Mittelalters und der Neuzeit bis zur Staatsgründung 1871 entwickelt hatte, in ihrer gesamten Dimension kennenzulernen und anschließend selbst bei einer nachgeahmten Bundesratsversammlung teilzunehmen. Wir – „hineingeschlüpft“ in die Rollen der Bundesratsmitglieder der 16 Bundesländer Deutschlands, der bzw. des Bundesratspräsidentin/-en und der jeweiligen anwesenden Minister – diskutierten  hitzig und von unterschiedlichen Argumenten gestützt z.B. über das Wahlrecht ab 16.
Nach der einstündigen Mittagspause an dem vor der Wende durch die Berliner Mauer geteilten und seither wiederbelebten Potsdamer Platz erfolgte ein dreistündiger Spaziergang durch die Berliner Stadtmitte - bestückt mit zahlreichen Referaten zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten, die von uns Schülern jeweils selber vorbereitet und vorgestellt wurden, vom Wiederaufbau des Stadtschlosses (Humboldt-Forum) und den Berliner Dom auf der Museumsinsel über die Neue Wache, die Humboldt-Universität, den Gendarmenmarkt bis hin zum Brandenburger Tor. Nach einem intensiven Gang entlang der zentralen Prachtstraße „Unter den Linden“ stand dann der Besuch des mehr oder weniger informativen Deutschen Historischen Museums an. In breiter Informationsfülle ist dort die deutsche Geschichte von der Antike bis zur Nachkriegszeit dokumentiert, was überdies einer optimalen Abiturvorbereitung dienen konnte. Im Anschluss daran hatten wir – wie jeden Tag – einen freien Abend, den wir angesichts des breiten kulturellen Angebots in der Hauptstadt auf unterschiedliche Weise verbracht haben.

Freitag: Herrschaft, Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit 1933-1945
Am Freitag beschäftigten wir uns ausführlich mit dem Themengebiet „Herrschaft, Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit“. Wir besuchten dafür zunächst die Gedenkstätte Plötzensee und fuhren daraufhin zum Bendlerblock. Im Innenhof des Gebäudekomplexes wurden die Hauptbeteiligten der Verschwörung vom 20. Juli 1944 erschossen, darunter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Werner von Haeften und Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim. Informativ, beinahe schon überfrachtet und dennoch von vielen spannenden Impressionen begleitet ging es zur „Topographie des Terrors“ – an den Standort der zentralen Institutionen des NS-Herrschaftssystems, von wo aus ab 1933 die staatliche Unterdrückung bis hin zum Holocaust organisiert wurde. Die anschließende Mittagspause war – wir denken, dass wir jetzt auch im Sinne unserer Mitschüler sprechen – dringend nötig, um die zahlreichen, oftmals schockierenden Eindrücke zu verarbeiten und um sich für das noch bevorstehende Programm zu regenerieren.
Nachmittags erfolgte ein Gang durch die Wilhelmstraße, das ehemalige politische Machtzentrum Berlins. Hier warfen wir einen besonderen Blick auf den Bau des Reichstluftfahrtministeriums, das heute als Finanzministerium genutzt wird. Den Abschluss bildete das Holocaust-Mahnmal, das von Peter Eisenman entworfen und 2005 eingeweiht worden war. Nachdem wir die eindrucksvolle Atmosphäre während eines Ganges durch die 2.711 Stelen auf uns wirken gelassen hatten, besuchten wir das Museum unterhalb des Stelenfeldes, das in seiner inhaltlichen Konzentration einen tiefgreifenden Eindruck hinterließ.
Insgesamt war dies ein Tag voller Einblicke in die dunklen, mörderischen Abgründe der deutschen Geschichte unter dem Nationalsozialismus 1933-1945, von ihrer Herrschaftsorganisation bis zum Widerstand und zur Verfolgung.

Samstag: Berlin im „real existierenden Sozialismus“ - Geschichte der deutschen Teilung 1945-1990
Für Samstag, bereits der letzte vollständige Tag der Studienfahrt, stand das Thema „Berlin im ,real existierenden Sozialismus'“ auf dem Programmzettel. Etwas früher als an den vorhergehenden Tagen fuhren wir zum Treptower Ehrenmal, das die Sowjetische Militäradministration (SMAD) am 8. Mai 1949, dem vierten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, eingeweiht hatte. Die Monumentalität dieser Anlage war ebenso beeindruckend wie erschreckend, sodass sie uns alle gleichermaßen in den Bann zog.
Im Geiste der Tagesthematik ging es weiter in das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst. Dort wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 von dem Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die bedingungslose Kapitulation Deutschlands gegenüber den Alliierten unterschrieben. Dieses Museum offenbarte sich als ein kleines Juwel: Neu und anschaulich gestaltet, überzeugte es primär durch seine Informationsfülle und Anschaulichkeit.
Nach einer Fahrt über die Stalinallee, deren „Arbeiterpaläste“ den Wohnungsbau und die Ideologie der DDR-Architektur veranschaulichen, verbrachten wir die daran anschließende Mittagspause am Alexanderplatz und am Fernsehturm, einen der wenigen Orte, an dem man heute noch einen Eindruck prunkvoller sozialistischer Platzgestaltung gewinnen kann.
Danach stand der Besuch des ehemaligen Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen an, was für viele Schüler den Höhepunkt des Tages bzw. der gesamten Reise darstellte. Wir wurden dort - in mehreren Gruppen eingeteilt – von damaligen Häftlingen des DDR-Regimes durch die erschreckend engen Gefängniszellen geführt und mit einer Welt konfrontiert, die uns bis dahin nicht bekannt war. Hierzu passte dann auch die Weiterreise nach Schloss Schönhausen in Pankow, in dessen Umfeld sich zunächst die ersten politischen DDR-Größen eingerichtet und in dem dann 1990 die 2+4-Gespräche stattgefunden hatten, die zur deutschen Einigung führen sollten.
Berlin wäre unvollständig ohne die Berliner Mauer, und so fuhren wir mit dem Bus weiter zu der Gedenkstätte „Bernauer Straße“, wo wir einen Teil des übrig gebliebenen „Todesstreifens“ der damaligen Berliner Mauer (1961-1989) besichtigen konnten. Dieses rundete den Tag zur Geschichte der deutschen Teilung vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Fall der Berliner Mauer am 9.11.1989 ab.

Sonntag: Potsdam - Preußens Glanz und Gloria
Am Sonntag, der letzte und nur „halbe“ Tag der historisch-politischen Bildungsfahrt nach Berlin 2014, ging es, nach dem üblichen Prozedere – freier Abend, reichhaltige Frühstückskost –  per Bus in Richtung Westen: raus aus Berlin und rein nach Potsdam, in den „schönsten Vorort Berlins“. Dank der unvergleichlichen und gebürtigen Potsdamerin Frau Tschäpe wurde uns in nur wenigen Stunden vor unserer „endgültigen“ Abfahrt ein umfassendes Bild von der damals preußischen Garnisonstadt vermittelt. In dieser besuchten wir verschiedene Stätten der geschichtsträchtigen Stadt, unter anderem das Schloss Cecilienhof (Ort der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945), das wiederaufgebaute Potsdamer Stadtschloss sowie als letzten Höhepunkt Schloss und Park Sanssouci. Dort besichtigten wir u.a. das Grab Friedrichs des Großen, auf dem kurioserweise einige Kartoffeln liegen – angelehnt an die Einführung der Kartoffel als Agrarprodukt in Deutschland, eine überlebenswichtige Erneuerung. Darüber hinaus konnten die Lehrer dort ein Gruppenbild der circa neunzigköpfigen Gruppe auf der Treppe des berühmten Hohenzollernschlosses schießen – das nun das Cover unserer Abizeitung schmückt.
Daran anschließend fuhren wir nach fünf enorm interessanten, ereignisreichen und auch anstrengenden Studientagen müde, aber schlauer als zuvor, wieder zurück nach Bielefeld. In Kenntnis der Tatsache, dass dies die letzte stufeninterne Fahrt gewesen ist, verbleibt die Studienfahrt nach Berlin vielen Abiturienten deshalb sicherlich auch als „Abschlussfahrt“ in (hoffentlich positiver) Erinnerung.